Hockey in Österreich: 1900 - 1920

Das Meisterschaftsspiel zwischen dem WAC und Oels mußte für 40 Minuten unterbrochen werden, da der einzige Spielball über die Platz­umfriedung geschlagen wurde und nicht früher gefunden wurde.
(1919)

Hockeyspiel der Oxford University rund um 1900
1900: Vienna Cricketer - Von Sport & Salon

Vor einem Jahrhundert hatte der Sport im Allgemeinen noch nicht jene Position in unserer Gesellschaft wie heute. Damals war höchstens der Radsport gesellschaftsfähig. Alljene, die auf einer Wiese oder im­provisierten Spielfläche einem Ball in Form eines Fetzenlaberls - wie bei den Anfän­gen des Fußballs - oder einer Lederkugel mit einem gekrümmten Stock - wie beim Hockey - einherjagten, galten, wie Poli­zeiberichte aus jener Zeit vermelden, als "höchst suspekte Personen". Sport zu betreiben galt im 19. Jahrhundert als wenig schicklich und nahezu verpönt.

Parallelen zum Fußball aus dieser Zeit sind unübersehbar - in beiden Sportarten waren es Briten, die die Grundlagen ihres Sports in Österreich verbreiteten. 1897 bemühten sich einige in Wien lebende Engländer, die beim "Vienna Cricket and Footballclub" Fußball spielten und beim "Wiener Athletik Club" Leichtathletik betrieben, den Wienern ihre in England erworbenen Kenntnisse des Hockeys beizubringen. Diese anfänglichen Versuche konnten - mangels eines Rasenplatzes - nur in der vom WAC für Athletik und Fechten vorgesehenen Fürst Auerspergschen Reitschule durchgeführt werden. Aufgrund dieser Bedingungen schien die Beschäftigung mit dem Hockey in Österreich damit fast schon zu Ende zu sein: Jeder Schlag der noch völlig ungeübten Spieler wurde auf dem Erd- bzw. Sandplatz von einer riesigen Staubwolke begleitet, als Begrenzung dienten hohe Mauern, die Beleuchtung (ein paar Lampen) ließ die Richtung des Balles nur erahnen.

Es dauerte daher wieder ein paar Jahre, ehe im Prater ein halbwegs ansehnlicher Rasenplatz zur Verfügung stand, worauf nunmehr das Hockeyspiel in Österreich seinen Anfang nahm.

Über das erste Hockeymatch in Wien schrieb damals die Zeitung "Sport im Bild":

Das erste Hockeymatch in Wien

"Die Wiener Fußballsaison ist beendigt, und diejenigen Clubs, welche bisher der Pflege des Fußballspiels obgelegen haben, sehen sich nach anderen Bewegungsspielen um. Viele Vereine haben sich dem Lawn-Tennis und Cricket zugewandt, während andere Rad­fahrsektionen gründen und so die Anhänger­schaft dieses modernsten aller Sports verstär­ken. Der "Vienna Cricket and Football Club" welcher sich um die Verbreitung der Rasenspiele in Wien besonders bemüht, macht jetzt Versuche, für das Hockeyspiel Freunde zu werben, so stellte er vor kurzem seine Mann­schaft zu einem Hockeymatch dem Wiener Athletiksport-Club gegenüber. Obwohl der Wiener Athletiksport-Club schon im vergan­genen Jahre Hockey spielte, und zwar in der Auersperg' sehen Reitschule, so darf man doch das Wettspiel zwischen ihm und dem ''Vienna Cricket and Football Club" als das erste Hockeymatch in Wien betrachten. Trotz der ungünstigen Witterung hatte sich eine stattliche Schar von Zuschauern eingefunden, welche dem Spiele mit regem Interesse folgte. Die Mitglieder des Wiener Athletiksport-Clubs· zeigten allerdings gute Form, konnten jedoch gegen die weit geübteren Engländer nicht aufkommen. Hoffentlich hören wir bald mehr über die Fortschritte des Hockeyspiels in Wien, denn dasselbe gehört zu denjenigen Rasenspielen, welche auch bei uns gepflegt zu werden verdienen."

Der erste Hockeyverein in Österreich

1900: WAC Clubhaus

Im Jahre 1900 gründete der WAC seine Hockey-Sektion, praktisch den ersten Hockeyverein in Österreich. Die Leitung dieser Sektion übernahm Georg Freiherr zu Frankenstein, unter dessen Führung insgesamt 47 Mitglieder (darunter auch 7 Frauen) für den Hockey­sport Interesse zeigten. Die damaligen Spiele wurden - ohne einheitliches Regelwerk und ohne Wettspielbedingungen - zumeist gemischt ausgetragen. Das erste Hockeywettspiel wurde erst  am 5. April 1903 auf Initiative von Dr. Dehne, einem Spieler des WAC, gegen den Münchner Sportclub in Wien ausgetragen, welches der WAC knapp mit 3:2 gewinnen konnte.

Vierzehn Tage später reiste dann der WAC nach München zum Retourspiel und er­zielte das gleiche Ergebnis, und noch im selben Jahr gastierte der älteste deutsche Hockeyverein in Wien, der "Uhlenhorster Hockeyclub" aus Hamburg, gegen den der WAC allerdings mit 0:1 verlor. Diese Spiele bildeten das Fundament des Hockeysports in Österreich um die Jahrhundertwende und so kann Dr. Dehne getrost als Vater des österreichischen Hockeysports bezeichnet werden.

1905 gab es bereits drei Vereine in Wien: neben dem WAC wurde 1903 der "Verein für sportliche Spiele Olympia" gegründet und 1905 nahm die k.u.k. Konsular Akademie den Spielbetrieb auf. Es wurden bereits mehrere Spiele zwischen den drei Vereinen durchgeführt, wobei jedoch immer der WAC unbesiegt blieb.

1900: WAC Clubhaus

Ein Jahr später stiftete der WAC - anläss­lich seines 10 jährigen Jubiläums - einen Wanderpreis, der nach dreimaligem Gewinn in das Eigentum des Siegers übergehen sollte. Der Veranstalter WAC gewann 1906 auch diesen Pokal, aber bereits ein Jahr später gelang es der "Konsular Akademie" den WAC mit 4:3 zu besiegen - die erste nationale Niederlage des WAC im Hockey. Und in dieses Jahr fällt auch die Gründung des 4. österreichischen Hockeyclubs, des "Badener Athletiksportclubs" des ersten Vereins außerhalb Wiens.

Die nächsten Jahre bis zur Gründung des Österreichischen Hockeyverbandes im Jahre 1913 waren dadurch ge­kennzeichnet, dass zwar neue Vereine - bzw. Hockeysektionen - gegründet wur­den, aber auch alte Clubs ihren Spielbe­trieb einstellten.

An einer 1911 ausgetragenen "Meisterschaft" nahmen folgende Vereine teil: der "WAC", die "Döblinger Gym­nasiasten“·, "Slovan", der neugegründete "Wiener Hockeyclub" und der "Akademi­sche Sportclub Dresden".

Der WAC gewann dabei seinen gestifteten Wanderpreis zum dritten Mal. Die österrei­chischen Vereine unternahmen in dieser Zeit einige Reisen und spielten gegen Mannschaften aus München, Hamburg, Dresden, Berlin, Prag und Troppau.

Kurios vielleicht jenes meisterschaftsentscheidende Spiel zwischen dem WAC und dem Wiener Hockeyclub am 12. Dezember 1911, das bis zur Entscheidung ausge­tragen wurde, und - nachdem es am Ende der regulären Spielzeit 2:2 stand - 145 (!) Minuten dauerte, bis der WAC sei­nen dritten Treffer erzielte und damit die Meisterschaft gewinnen konnte.

Der Spielverkehr intensivierte sich sowohl national - wobei die Vereine Böhmens und Mährens ja zur Monarchie gehörten - und international, sodass bereits 1911 über die Gründung eines eigenen Verban­des nachgedacht wurde.

Die Gründung des Österreichischen Hockeyverbandes 1913

Zwei Ereignisse waren für die Gründung des ÖHV ausschlaggebend: Zum Einen fand im Oktober 1912 in Hamburg anläss­lich der Olympischen Spiele in Stockholm - ein Hockeyturnier statt, an dem eine österreichische Mannschaft erstmals teil­nahm und unter anderem gegen England 17:0 sowie gegen Deutschland 5:0 verlor und die Notwendigkeit einer Organisation des österreichischen Hockeys aufzeigte. Zum Anderen fuhr im Juni 1912 der Wie­ner Hockeyclub zu einer Hockeyreise nach Prag. Dabei kam es zu einem Gespräch zwischen einem Vertreter der Deutschen Eishockeygesellschaft In Prag (Dr. Bran­deis) und Funktionären des Wiener Hockeyclubs, wobei Brandeis anregte, die österreichischen Hockeyvereine in einem Verband - nach englischem Vorbild - zusammenzufassen. Nach Besprechun­gen mit den Vereinen WAC und Vienna wurde vereinbart, anlässlich des Gegenbe­suchs der Prager im November 1912 die Grundlagen für die Gründung des Hockeyverbandes festzulegen. Mit Rücksicht auf die Verbandsgründung im Oktober 1913 wurden im Frühjahr nur Freundschaftsspiele ausgetragen, sodass nach Beendigung der Arbeiten des Vorbe­reitungskommitees am 25. Oktober 1913 im Clubhaus des WAC der österreichi­sche Hockeyverband gegründet wurde.

Gründungsvereine waren der WAC, der Wiener HC, die Konsularakademie, Vien­na, der Akademische Sportclub und die Prager Deutsche Eishockeygesellschaft. Dies war möglich geworden, da der öster­reichische Hockeyverband am 24. April 1913 von der K.k.niederösterreichischen Statthalterei mit der Geschäftszahl 1747 / Xl/158-K-3 nicht untersagt wurde! Nach dem Vorbild des Fußballverbandes wurde vereinbart, eine Meisterschaft mit Hin- und Rückspiel, Frühjahrs- bzw. Herbst­saison zu veranstalten. Teilnehmer an dieser 1. österreichischen Meisterschaft waren die Vereine WAC, HC Wien, Konsu­larakademie, Vienna, Akademischer Sportclub und der Simmeringer Sportclub, der am 31. Oktober d. J. dem Verband beige­treten war, während sich die Deutsche Eishockeygesellschaft Prag einen Beitritt vorbehielt, da auch die Gründung eines böhmischen Subverbandes mit eigenen Wettspielen in Erwägung stand.

Eine der ersten Taten des neugewählten Vorstands des Hockeyverbandes war die Ausschreibung einer Meisterschaft noch für das Jahr 1913. In den verbleibenden 2 Monaten - noch am 23. Dezember wur­den Meisterschaftsspiele ausgetragen - sah die 1. österreichische Hockeymei­sterschaft den Wiener Hockey Club als Meister vor Vienna und dem WAC, der allerdings nur zu Hause antrat und alle Auswärtsspiele nicht bestritt, sodass diese mit 0:6 strafverifiziert werden mussten.

Und noch eine Geburtsstunde brachte das Jahr 1913: Am 2. November fand auf dem WAV-Platz das erste Damenhockeymatch in Österreich statt. Interessanter als das Ergebnis (2:2) und die Mannschaften (Vienna gegen Wiener Hockey Club) ist die Tatsache, dass auf jeder Seite 8 Damen und nur 3 Herren standen und dadurch die Bezeichnung Damenhockeyspiel erst­mals berechtigt erscheint.

Trotz Aufnahme der Hockeysektion des jüdischen Vereins Hakoah nahm diese Mannschaft an der Meisterschaft 1914 nicht teil, sodass nur 4 Vereine um den Titel spielten. Das entscheidende Spiel zwi­schen dem WAC und dem Wiener Hoc­key-Club, das der Wiener Hockey Club für sich entscheiden konnte war, wie sich noch herausstellen sollte, das vorläufig letzte.

Wegen der Kriegsereignisse lagen zwi­schen dem 18. Mai 1914 und dem nächsten Hockeymeisterschafts­spiel am 16. März 1919 beinahe 5 Jahre. Je länger der Krieg dauerte, umso schwieriger war es für die Vereine komplette Mannschaften zu stellen, und so musste der Hockeysport auf das Training reduziert werden, das von nicht eingerückten Spie­lern oder Fronturlaubern besucht werden konnte. Aber schon im letzten Kriegsjahr nahm die Spieltätigkeit wieder zu. Der Wiener Hockey Club, die Vienna und der WAC trugen im Herbst bereits einige Freundschaftsspiele aus bei denen es auch zu Damenspielen kam (teilweise mit 3 oder 4 Herren verstärkt).

Am 2. Februar 1919 fand wieder eine Generalversammlung statt, wobei sich der Wiederaufnahme des Hockeybetriebes die Tatsache entgegenstellte, dass in ganz Österreich kein Hockeystock und kein Hockeyball aufzutreiben war, weshalb man beschloss erforderliche Utensilien aus dem Ausland aufzutreiben.

Erfreulich für dieses erste Nachkriegsjahr war auch die Entwicklung der Vereine: Aus etlichen ehemaligen Viennaspielern for­mierte sich der Verein für Bewegungs­spiele (kurz V.f.B.) während es einem ehemaligen Mittelschüler aus dem Schot­tengymnasium - Anton Holubovsky - gelang, seine ehemaligen Schulkollegen für das Hockeyspiel zu begeistern: Er gründete die Sportvereinigung der katho­lisch deutschen Hochschüler - der Vor­läuferverein der heutigen SV Arrninen.

Die Meisterschaft 1919 (vorläufig letztmalig mit dem Kalenderjahr konform) gewann der Wiener Hockey Club vor der Vienna und dem WAC. Ab diesem Jahr sollte die Meisterschaft mit einem Herbstdurchgang beginnen und wurde im Frühjahr wieder fortgesetzt. Der Meister erhielt den Titel "Österreichischer Staatsmeister" - den ersten Titel errang der WAC (punktegleich mit dem Verein für Bewegungsspiele). Sie profitierten von einer ein halbes Jahr zuvor erstellten Regel, die besagte, dass bei Punktegleichheit die höhere Zahl an Siegen für den Titel ausschlaggebend war.